Letzte Aktualisierung: 13. Mai 2022

Willisauer Bote vom 29. März 2022

Bericht von Chantal Bossard

Ein historischer Moment: Am Samstag gründeten die Männerchöre Harmonie und Concordia den gemeinsamen Verein «Männerstimmen». Nicht von Zusammenschluss, sondern von einer Wiedervereinigung ist die Rede. Wieso?

 

Stolz die zwei Vereinsfahnen in die Höhe gestreckt, stolzieren die Mitglieder der beiden Männerchöre Harmonie und Concordia am Samstag vom Rathaus durch das Untertor zum Restaurant Mohren. Es ist ein historischer Moment. Denn als sich die Tür des Gasthauses nach etlichen geselligen Stunden wieder öffnet, ist aus zwei Vereinen einer geworden. Ohne Gegenstimmen wurde wahr, was lange niemand für möglich gehalten hätte: Der Männerchor Concordia und der Männerchor Harmonie haben sich zum Verein «Männerstimmen Willisau» zusammengeschlossen. Oder eher: «wiedervereint», wie es Benno Baumeler ausdrückt. Der Sänger des ehemaligen Männerchors Concordia hat sich zusammen mit Willy Meyer (ehem. Präsident Harmonie), Werner Keller (ehem. Präsident Concordia) und Heinz Kägi (ehem. Harmonie) auf der WB-Redaktion eingefunden, um gemeinsam die Gründe für den Zusammenschluss zu erklären. Wichtig hierbei: Der Blick zurück.

«Politisch rassenreine» Vereine
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Willisau der Männerchor Harmonie gegründet. Der erste schriftlich belegte Auftritt von Willisauer Sängern ist 1849 datiert, als der Chor am ersten kantonalen Gesangsfest in Wolhusen mit 13 Männern teilgenommen hat. «Männerchöre waren anfangs des 20. Jahrhunderts hoch im Kurs», erklärt Heinz Kägi. «Sie gehörten fest zum gesellschaftlichen Leben dazu.» Ebenfalls zunehmend Bestandteil dieser Zeit: der Graben zwischen den Liberalen und Konservativen, zwischen den «Schwarzen» und den «Roten». «Auch Willisau war zu dieser Zeit politisch und weitgehend auch gesellschaftlich zweigeteilt», sagt Benno Baumeler. Um die Jahrhundertwende habe sich immer mehr die Idee durchgesetzt, nur «politisch rassenreine» Vereine könnten einwandfrei funktionieren und zusammenhalten. So gab es in vielen Luzerner Gemeinden zwei Turnvereine, zwei Schützenvereine, zwei Blaskapellen – und eben auch zwei Männerchöre. Politisch streng getrennt.

Die Abspaltung von der Harmonie

 

Auch beim Männerchor Harmonie kam es deshalb zu einer Abspaltung. Im Nachhinein wurde diese in der Vereinsgeschichte mit folgenden Worten begründet: «Wiederholte krisenhafte Erscheinungen im Schosse des einzigen Willisauer Männerchors, der Harmonie, verhinderten um die Jahrhundertwende eine erspriessliche gesangliche Tätigkeit. Persönliche Differenzen, innere Zwistigkeiten und politische Anfeindungen riefen mehr und mehr nach einer Radikalkur. Diese unerträgliche Situation wurde mit ein gewichtiger Grund für die Gründung eines zweiten Männerchors auf dem Platze Willisau.» 1909 wurde der Männerchor «Konkordia» gegründet. Von da an wurde auch in Willisau schwarz (Harmonie) und rot (Konkordia), heisst liberal und konservativ gesungen. «Dazu eine lustige Anekdote: Nach dem Beitritt zum Luzerner Kantonalgesangsverein 1919 erschien der Verein im Verzeichnis hinter der Harmonie, weshalb der Chor kurzerhand in «Concordia» umgeschrieben wurde», erzählt Werner Keller. Er betont: Obschon sich die zwei Männerchöre in Willisau klar konkurrierten, funktionierte die parallele Existenz von Anfang an einwandfrei. Bereits 1920 führten die zwei Vereine gemeinsam den Kantonalen Sängertag in Willisau durch. An Anlässen wie etwa dem Nationalfeiertag am 1. August wurde oft zusammen gesungen.

Das Image «entstauben»
«In den letzten Jahrzehnten hat die gesellschaftliche Bedeutung der Chöre abgenommen», sagt Willy Meyer. Werker Keller präzisiert: «Wie alle anderen Vereine heutzutage, haben auch die Männerchöre Mühe, junge Leute zum Mitmachen zu animieren.» Die Folge: Mitgliederschwund. Die Harmonie verzeichnete zuletzt noch 25 Aktivmitglieder, Concordia deren 34. Um die Kräfte zu bündeln, wurde in den vergangenen Jahren immer mehr zusammen-gespannt. Ein Musterbeispiel ist das Projekt «Blick ins Steinreich», welches im Frühling 2019 im Naturlehrgebiet Ettiswil über die Bühne ging. Vier Männerchöre aus Willisau, Wolhusen und Ettiswil wollten mit Aufführungen bei der Kiesgrube und im Naturlehrgebiet ihr Image «entstauben». Benno Baumeler hatte das Grossprojekt initiiert. Unter anderem auch, um wieder mehr engagierte Junge von Männerchören zu überzeugen. Um «Schwung in die Sache zu bringen», wie er damals gegenüber dem WB sagte. Ohne Erfolg? «Doch, und ob», halten die vier auf der Redaktion anwesenden Männerchörler unisono fest. Zwar habe ihnen das Projekt keine zusätzlichen Mitglieder beschert. «Doch es hat unsere Zusammenarbeit verstärkt», sagt Keller.

 

Die gemeinsamen Proben
Als der Männerchor Concordia im Sommer 2020 ohne Dirigent dastand, probten sie kurzerhand zusammen mit der Harmonie unter der Stabsführung von Pascal Limacher. «Und das bereitete allen hörbar Freude», sagt Meyer. Nach den gemeinsamen Proben drängte sich immer mehr die Frage nach der Zukunft auf. Ein Zusammenschluss? Nicht abwegig, befanden die Mitglieder beider Vereine. «Also machten wir uns an die Arbeit», sagt Keller. Die dank der Corona-Pandemie eher leeren Terminkalender sorgten für genügend Kapazitäten und Zeit, um den Zusammenschlusses zu planen. Finanzen, Statuten, Inventar...: Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitgliedern beider Vereine, machte sich unter der Leitung des Concordia-Sängers Alois Brun daran, die Grundlagen auszuarbeiten. «Fortlaufend wurden die neusten Erkenntnisse an die jeweiligen Vereine weitergeleitet», erzählt Meyer. Der kontinuierliche Informationsfluss habe massgebend zur gelungenen Fusion beigetragen.

 

 

 

 

Die Chöre auf dem Weg zur Wiedervereinigung

Den neuen Verein gegründet
Ohne Diskussionen wurde schliesslich auch der Fusionsvertrag am Samstagabend genehmigt. Beide Vereine luden separat zur ausserordentlichen Generalversammlung, wo die Sänger den Fusionsvertrag einstimmig genehmigten. Anschliessend wurde im Restaurant Möhren der Verein «Männerstimmen Willisau» gegründet. Der Vorstand wurde wie folgt gewählt: Werner Keller übernimmt das  Präsidium, Markus Albisser ist Vizepräsident, Willy Meyer Kassier, Hans Setz Aktuar, Dani Häfliger Materialverwalter. Die Revisoren: Beat Loosli und Bruno Greber.

 

Die Aufbruchstimmung
«Es herrscht Aufbruchstimmung», sagt Werner Keller. «Männerstimmen Willisau» soll noch lange Bestand haben, so der neue Präsident. Oberstes Ziel: Junge, motivierte Mitglieder für den Männerchor begeistern. «Doch dafür müssen wir uns zeigen und von uns überzeugen», betont Benno Baumeler. Bereits in zwei Jahren soll in Willisau ein Projekt «mit regionaler Ausstrahlung» über die Bühne gehen. «Eine riesige Sache», so Baumeler. Hintergrund ist das 175-Jahr-Jubiläum des Männerchors. Männerstimmen Willisau – ein junger Verein, schon so alt. «Das soll gebührend gefeiert werden.» Harmonie und Concordia: endlich wieder vereint.